Politische Amnesie am Beispiel des 70. Jahrestages der Vertreibung Deutscher aus ihrer Heimat

Von Andreas Albrecht Harlaß

Es waren knapp 15 Millionen Deutsche, für die in diesen Tagen und Wochen vor 70 Jahren die "Befreiung" von Hab und Gut, von Hof, Haus, Wohnung, Habseligkeiten und auch die "Befreiung" von Leben und Gesundheit begann. Nicht einmal ein Menschenleben lang ist es her, als tschechische Nationalisten im Sudetengebiet nach Kriegsende mit Lastkraftwagen über lebende Menschenleiber rollten, wie jüngst und bemerkenswerterweise im tschechischen Fernsehen gezeigt wurde und in Ostpreußen Frauen durch russische Soldaten nach der Schändung im Suff durch eine MPi-Garbe aus der "PPSH 44" erschossen wurden. Augenzeugen berichteten zu Tausenden über Gräueltaten, die mit der Austreibung begann.
Erinnerungen öffentlich-rechtlicher Art an die Vertreibung findet inzwischen verdruckst, selten und meist zu später Stunde im Fernsehen statt. Nicht mehr wahrnehmbar ist die heutige Erinnerungskultur an deutsches Leid durch deutsche Politiker. Wenn erinnert wird, dann selten ohne Kontext zu deutschen Kriegsverbrechen und Mitschuld der Zivilbevölkerung. Auch wenn es nicht erklärbar ist, welches Kriegsverbrechen die pommersche Bauernfrau begangen haben soll, außer dass sie möglicherweise einen Sohn gebar, der zur Wehrmacht zwangsrekrutiert wurde.

In den 50er, 60er und teilweise auch in den 70er Jahren, war die Gedenkkultur an die Vertreibung und Ermordung der Deutschen nicht nur bei CDU und SPD eine ganz andere. Kein Ministerpräsident oder Parteivorsitzender der BRD konnte es sich leisten, die Einladung zum Treffen der örtlichen Landsmannschaften aus dem Osten oder den Sudeten auszuschlagen. Markige Reden wurden dort gehalten, mitgetrauert, mitgedacht. Der Bundestag war thematisches Podium für Gedenkreden.

Wem heute an der sonntäglichen Kaffeetafel versehentlich Worte wie "Volkstum" oder "Landsmannschaft" entgleiten, riskiert, dass dem Tischnachbarn erschrocken die Tasse aus der Hand rutscht, die Tafelnden erschrocken zusammenzucken. Noch zehn Jahre nach dem Mauerfall berichtete ein ehemaliger Oberbürgermeister von Görlitz, dass er sich erschrocken umdrehe, wenn in seiner Gegenwart jemand "Schlesien" sagte.

Das war der Unterschied zwischen Ost und West. Während zwischen Rügen und Thüringer Wald eine Vertreibung nach Gründung der DDR nicht mehr stattgefunden hatte, es nie Vergewaltigungen durch Rotarmisten oder grausame Morde gab, fand dieser Prozess von Geschichtsentsorgung im Westen perfide und schleichend statt. Mit dem Marsch für angeblich mehr Demokratie durch die Institutionen, ging die Saat der Denkpolizisten, ausgesandt u.a. von der "Frankfurter Schule", der so genannten "68er" auf. Heute beherrscht deren Sprache das Denken in Gesamtdeutschland.

Die Gedanken sind (nicht mehr) frei. Andernfalls gäbe es eine Gedenkkultur.
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