Gute Demonstranten, böse Demonstranten oder: Was Jupiter darf, steht einem Ochsen nicht zu

Von Andreas Harlaß

Denen haben wir es aber gegeben! Einigkeit herrschte in allen großen Medien: "Danke, Ihr 35 000" (BILD), "Großaktion für ein weltoffenes Dresden" (Sächsische Zeitung) raunte es von Dresden bis hinauf nach Helgoland. Lediglich eine kleine Auswahl, vom Tenor her austauschbarer überschriften, nachdem am Sonnabend der Dresdner Neumarkt gut besucht war. Mal ganz davon abgesehen, daß es rein rechnerisch schwer zu beweisen sein dürfte, wie es bei einer Gesamtfläche von 7600 Quadratmetern (Baustellen noch nicht mal abgezogen) möglich sein sollte, 35 000 Bürger ohne Atemnot und Panik zusammenzupferchen, war kollektive Jubelstimmung ausgebrochen. Zufällig hat die Polizei auch nicht gezählt. Nur ein Polizist verplapperte sich wohl und sagte einem AfD‐Referenten, daß sehr wohl gezählt wurde, die Zahlen aber nicht veröffentlicht werden. Das sei Sache des Veranstalters. Seis drum.

Herr Tillich und Frau Orosz klopften sich symbolisch auf die Schultern, ihre Mundwinkel zeigten gen Kirchen‐Kuppel. Niemand wäre an jenem Tag auf die Idee gekommen, deren Beleuchtung auszuknipsen. Aber die Veranstaltung war ja tagsüber. Kunstlicht ergo nicht erforderlich. Und es war Sonnabend, wo die Verwaltung bis auf Ausnahmen frei hat. Eine gute Gelegenheit also, nach dem Mittagstisch den Verdauungßpaziergang zu nutzen, der Bitte oder Aufforderung des Chefs im Gewerkschafts‐ oder Rathaus, dem Klinikum, der Uni oder in der Staatskanzlei zu folgen und hinzugehen ‐ zu den guten Demonstranten. Vielleicht wird man gesehen, winkt oder blinzelt dem Chef zu und hat dann einen Stein im Brett. Anders als der böse Demonstrant, der am kalten, dunklen Montagabend nach der Arbeit damit rechnen muß, am nächsten Tag gefeuert zu sein, wenn er durchs Fernsehbild von RTL, ARD oder ZDF ins Wohnzimmer seines Personalchefs guckt.

Was die gutgelaunte Frau Orosz und den strahlenden Herrn Tillich nicht zu stören scheint ist, daß sie mit der druckvollen, der Nötigung verdächtigen Aufforderung, die Gegendemonstration zu besuchen, möglicherweise nicht nur gegen die qua Amt verliehene Neutralitätspflicht des Staates verstoßen, sondern ‐ und das ist weitaus schlimmer ‐ sie rufen zum Widerstand gegen einen Großteil des Souveräns, also das eigene Volk auf. Dieses tun sie obendrein Kraft ihrer Funktion. Mit von Steuergeldern bezahlter Technik und Infrastruktur. Frei nach dem Motto: "Was Jupiter darf, steht einem Ochsen nicht zu." Ein unabhängiger Verwaltungsrichter in Düßeldorf sah jüngst ebensowenig ein, daß in Deutschland wieder Gutsherrenart ausgerufen zu sein, scheint und urteilte, daß in der Rheinstadt das Rathaus‐Licht anzubleiben hat, wenn "Dügida" vor dem Rathaus seine bürgerlichen Rechte wahrnimmt.

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